Förderprogramm "Digital Jetzt": Rennpferd oder Schnecke?

Die Vergabeprozedur des Förderprogramms läßt daran zweifeln, dass die Regierung damit tatsächlich den digitalen Wandel beschleunigen will.

Die Konditionen klingen sehr attraktiv: Investionen von kleinen und mittleren Unternehmen in Maßnahmen zum digitalen Wandel werden mit meist 50 % bezuschusst. Das können Hard- und Softwareinvestitionen sein, aber auch Fortbildung der Mitarbeiter. Meist ist der Zuschuss auf 50.000 EUR begrenzt. Bewerbungen sind in jedem Monat möglich.

Man sollte mit reger Nachfrage rechnen, und so ist es auch, tausende Unternehmen sind interessiert. Wie nun kann die Riesennachfrage mit dem doch wohl spärlichen Gesamtvolumen des Programms abgeglichen werden? Hier hat sich die Regierung (oder der Projektträger) einen interessanten, "innovativen" Flaschenhals ausgedacht. Jeden Monat, bis jeweils zum 14., kann man seine Bewerbung anmelden. Am 15. wird dann aus den Anmeldungen eine Zahl ausgewählt, die der geplanten Fördersumme dieses Monats entspricht. Die Auswahl erfolgt - nein, nicht aufgrund der Qualität des Antrags, sondern - im digitalen Losverfahren. Eine staatliche Tombola, so ähnlich wie die berühmte in Spanien.

Und wie sind die Chancen? Dazu konkret: Heute, am 3. Februar 2021, 08.40 Uhr, sind für das Losverfahren 6427 Unternehmen angemeldet. Bei einem - angenommenen - durchschnittlichen Zuschuss von jeweils 20.000 EUR beträgt die gesamte geplante Fördersumme dieser Unternehmen 92.540.000 EUR. Vorgesehen für diese "Ziehung" sind allerdings nur: 7.000.000 EUR. Das heißt, die Chance auf einen Erfolg in diesem Monat beträgt für das einzelne Unternehmen 7,56 %! Es mögen sich bis zum Stichtag noch einige Unternehmen melden...

Zum Trost sei allen, die sich angemeldet haben, gesagt: Die Teilnahme an dem Losverfahren kann man jeden Monat neu anmelden. Wenn die Zahlen so bleiben, erhält jeder im Durchschnitt nach 13,2 Monaten den Zuschlag. Solange wird natürlich das Unternehmen nichts investieren. Falls es schon Angebote von Lieferanten eingeholt hat,, werden diese die angebotenen Preise sicher auch nicht für 13 Monate zugesagt haben. Falls es ein Unternehmen mit der Beschleunigung des digitalen Wandels ernst meint, wird es wohl bei diesem Tempo auf die Förderung verzichten müssen.

Kennen Sie das Bundeswirtschaftsministerium? Die Front an der Invalidenstraße ist zwar imposant,  doch noch überschaubar. Aber gehen Sie um die Ecke in die Scharnhorststraße, dort hat man eine Front von 430 Metern abzuschreiten, bis man das Nachbargrundstück erreicht (den Invalidenfriedhof übrigens). 430 Meter geballter Wirtschaftskompetenz! Ich kann nicht glauben, dass meine bescheidenen Berechnungen dort unbekannt sind. Ich frage nach - und halte Sie auf dem laufenden.

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